Der Excel-Diätzauber

Ich bin vor einiger Zeit im Bekanntenkreis einer Psychologin begegnet, die mit Zaubersprüchen arbeitete. Bis heute weiß ich nicht, ob sie allen Ernstes an Magie glaubt – wie sie behauptet – oder ob sie die Sprüche nur als Mittel in ihrer Therapie einsetzt. In beiden Fällen ist es sicher bedenklich, denn ich habe auch eine Patientin von ihr kennengelernt – und die glaubte daran.

Zaubersprüche sollen uns zu etwas verhelfen, das wir sonst nicht oder nur mühsam erreichen. Insofern sind sie also prädestiniert, unser Gewichtsproblem zu lösen. Ich habe mal im Internet die Stichworte „Magie“ und „Abnehmen“ eingegeben und bekam 352.000 Einträge. Da finden sich dann viele Anfragen auf Esoterik-Seiten, ob es denn so einen Zauberspruch oder Hexentrank gäbe, viele Rezepte und auch Ermahnungen: „Ungebremste Völlerei die Woche über, und dann am Wochenende einen Schlankheitszauber für die Traumfigur – das geht vielleicht einmal gut, aber dann ist jede magische Anstrengung nicht mehr der Mühe wert. Wir haben es in der Magie mit machtvollen Wesen zu tun, die sich nicht gerne zu Handlangern von disziplinlosen Menschen machen lassen.“

Während ich kopfschüttelnd durch diese Einträge stöberte, stieß ich bei einer wissenschaftlichen Betrachtung auch auf den Satz „Die Metaphorik der Benennung eines Übels als Dämon, … wandelt Horror, Angst und Spannung in verhandelbare, greifbare Elemente.“ Und da wurde mir klar, dass ich auch an Zaubersprüche glaube.

Bei meinen Abnehm-Vorhaben spielt Excel eine große Rolle. Ich erstelle Tabellen mit dem erwarteten Gewichtsverlauf bis hin zum Wunschgewicht. Dabei gibt es immer mehrere Versionen: Eine konservative – 1 Kilo pro Woche. Eine machbare – 1,5 Kilo und eine maximal berechnete. Die geht auch schon mal von 2 – 2,5 Kilo pro Woche für einen begrenzten Zeitraum aus. Das ist ja tatsächlich vor allem am Anfang möglich, bei eiserner Diät-Disziplin und viel Sport. Natürlich funktioniert das ganze nicht so, wie ich es in meinen Tabellen geplant habe. Dann werden die Zahlen nach ein paar Wochen wieder neu zusammengestellt. Wenn das nicht ein magisches Ritual ist, um „verhandelbare, greifbare Elemente“ zu erzeugen! Der wichtigste Aspekt für mich ist dabei, die Machbarkeit des Vorhabens vor Augen zu haben.

Wenn man vor der Aufgabe steht, 20, 30, 40 Kilos oder mehr abzunehmen, türmt sich ein langer Zeitraum mit Verzicht und Anstrengung vor einem auf. Denn meistens geht man ja mit einer „ab jetzt nicht mehr x und y und mehr z“- Einstellung in eine Abnehmphase. „Durchhalten“ scheint die wichtigste Anforderung. Die Excel-Liste verdeutlicht, dass das Ziel in einem begrenzten Zeitraum erreichbar ist – und dass es ein Ende der anstrengenden Zeit gibt. Für mich hat das tatsächlich etwas von einer Beschwörung, jede Zahl sagt: „Es ist möglich! Es ist möglich!“ Interessanterweise tut auch die Tatsache, dass die jeweiligen Zahlen nur selten so exakt erreicht werden können, dem positiven Effekt keinen Abbruch.

Ich sitze manchmal einfach nur mit der Liste auf dem Sofa und schaue mir die Zahlen an und finde es motivierend, ein Datum zu sehen, an dem es, wenn alles gut läuft, geschafft sein könnte. Reine Magie …

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