Sag. Das. Nicht!

„Holen Sie sich Unterstützung aus Ihrem Umfeld“ ist ein gern gegebener Ratschlag für Abnehmwillige. Klar – das Vorhaben erfordert viel Energie von uns und Verständnis von selbigem Umfeld. Letztendlich kämpfen wir nicht nur gegen uns selbst – Heißhunger auf Süßes, Appetit auf fettige Leckereien, Aufhören mit einer Mahlzeit, wenn wir doch eigentlich so gerne weiteressen möchten. Sondern auch gegen tägliche Herausforderungen in Form von Menschen, die all das essen, was wir uns gerade verkneifen, den Boulevard der Verführungen im Supermarkt, die Fernsehwerbung, die gefühlt zu 90% aus Zucker besteht. Reden würde helfen, damit besser fertig zu werden.

Also erzähle ich der netten Kollegin von dem Plan, endlich schlank zu werden. Sie lächelt verständnisvoll, nickt noch verständnisvoller und sagt: „Ich versuche auch schon seit JAHREN, meinen Bauch loszuwerden“ und kneift mit tragischem Gesichtsausdruck in – ja, was? „Speckfalte“ wäre ähnlich zutreffend, wie meinen Kater einen Löwen zu nennen. Sie ist glücklich, sich mit einer „Leidensgenossin“ austauschen zu können. Ich bekomme haarklein von jeder ihrer unzähligen Diäten berichtet, von ihrem grauenhaften Spiegelbild, von Überlegungen zu Fettabsaugungen und Kryolipolyse, bei der aus dem Bauchfett Gefriergut gemacht wird. Und ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl, zupfe meine etwas spannende Hose zurecht und schaue auf 55 Kilo, verteilt auf 170 cm. Auf etwas in ihrer Körpermitte, das man mit viel Fantasie einen Bauch nennen könnte. Ich kämpfe gegen den immer intensiver werdenden Wunsch, sie anzuschreien: „Du hast KEINE AHNUNG, wovon du sprichst. Ich rede von einem PROBLEM, das meine Gesundheit gefährdet. Meine Chance, gut passende Klamotten zu finden, tendieren gegen Null. Meine Chancen, gut passende Männer zu finden, ebenfalls.“

Es ist eine Illusion zu glauben, dass jemand, der noch nie dick war, wirklich verstehen kann, wie sich ein ernsthaft übergewichtiger Mensch fühlt. Was es bedeutet, jeden Tag aufzustehen und vor einem Berg „Tu DAS nicht. Tu DIES auf jeden Fall.“ zu stehen. Wie schwierig es ist, in einer Welt voller Genüsse Disziplin zu bewahren – über Monate.

Mein idealer Gesprächspartner wäre also ein Mensch, der ein paar Jahrzehnte adipös war, vorzugsweise durch eine ausgeglichene Kombination von Sport und Diät abgenommen hat und ausgebildeter Psychologe ist.

Und wenn in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft mein Spiegelbild mir freundlich signalisiert, dass meine Klamotten an meinem schlanken Körper hervorragend aussehen und eine füllige Kollegin mir seufzend erzählt, dass sie abnehmen will … Dann kann ich, fürchte ich, leider nicht diese einfühlsame Zuhörerin sein. Denn ich bin fest entschlossen, mich ab diesem Moment nie wieder mit dem Thema Abnehmen zu beschäftigen.

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