galerie Waage wagen?

Für mich ist es sehr einfach, nicht zuzunehmen: Ich gehe einfach nicht mehr auf die Waage. Was ich nicht sehe, existiert nicht. Als Kind hat das doch auch funktioniert: Wir haben uns die Augen zugehalten und waren unsichtbar.

Natürlich sagt mir die enger werdende und schließlich nicht mehr passende Kleidung etwas anderes. Und auch der wohlwollendste Blick kann irgendwann nicht mehr verleugnen, dass ich mehr Platz im Spiegel in Anspruch nehme. Trotzdem ist das Zunehmen irgendwie nicht wahr, bevor ich es nicht auf einer Waage dokumentiert sehe. Was auch deshalb absurd ist, weil ich selbst nach einem halben Jahr Waagen-Abstinenz meist auf ein Pfund genau weiß, was ich wiege. Ich glaube, in meinem Kopf addiert ein kleines unterbewusstes Programm unablässig die Kalorien, die ich zu mir nehme und subtrahiert den Verbrauch, so dass als Ergebnis immer das aktuelle Gewicht abrufbar ist.

Das ist übrigens auch der Anfang jeder Gewichtszunahme bei mir: Ich höre auf, mich zu wiegen. Es beginnt, wenn ich mal wieder über die Süßigkeiten-Regale hergefallen bin. Das beste Mittel, das zu einem einmaligen Ereignis zu machen, wäre, mich den Konsequenzen auf der Waage zu stellen. Indem ich das nicht tue, kann ich mir das „Ach, wird schon nicht so schlimm sein“ einreden. Ich habe eine hübsche Sammlung an Ausreden, warum ich mich genau dann nicht wiegen sollte:

1. Durch die vielen Kohlehydrate in den Süßigkeiten wird vermehrt Wasser gespeichert und die Waage würde eine Zunahme von vielleicht 1 Kilo anzeigen, was natürlich nicht stimmt. Den Frust hol ich mir nicht!

2. Wenn ich weiter machen will mit der Diät, muss ich gut gelaunt sein. Eine Zunahme auf der Waage zieht mich aber runter!

3. Ich wiege mich erst morgen, dann habe ich die Süßigkeiten wieder durch einen besonders disziplinierten Tag ausgeglichen. Oder übermorgen …

4. Ich habe heute einen anstrengenden Tag im Job vor mir – da brauche ich positive Energie und nicht das negative Erlebnis auf der Waage!

Da sind wir wieder bei der Hand vor den Augen: Was ich nicht sehe … Denn all diese „Argumente“ sagen ja schon: Ich weiß, ich HABE zugenommen!

Und nun steht sie vor mir, diese Herrin über Frust oder Freude. Als könnte sie kein Wässerchen trüben, obwohl sie mir das Wasser in die Augen treiben kann.
Wenn ich abnehmen will, kann die Waage meine beste Freundin sein. Sie lobt mich mit ihren immer kleiner werden Zahlen für Disziplin beim Essen und Engagement beim Sport. Das macht süchtig: Ich will das jeden Tag sehen. Es geht auch eine ganze Weile gut. Aber irgendwann – meist schon nach einigen Wochen – kommt der Punkt, wo sich trotz gleichbleibender Disziplin mal nichts tut. Ich habe genauso kalorienreduziert gegessen wie zuvor, aber vielleicht deutlich salziger. Salz speichert Wasser – und die Waage rührt sich nicht.
Und schon geht der Kampf Verstand gegen Gefühl wieder los. Das trotzige Kind in mir will gefälligst mit Erfolg für die Anstrengung belohnt werden. Der vernünftige Erwachsene weiß, dass die Waage nicht immer die Wahrheit zeigt.

Klug wäre jetzt, mich erst mal ein paar Tage nicht zu wiegen, dann sehe ich bestimmt Erfolge. Aber was mache ich? Ich will den Frust wieder loswerden, will den Erfolg auf der Waage erzwingen. Also geht’s am nächsten Tag wieder drauf. Läuft es, ist alles gut. Wenn nicht, ist der Frust erst recht da – und die Gefahr des „Jetzt ist eh alles egal“-Frustessens steigt.

Ich stehe manchmal mit einer gewissen erschütterten Faszination neben mir und frage mich, wie ich bei all dem, was ich über das Abnehmen weiß, mit all den logischen Erklärungen für Stillstand auf der Waage, es trotzdem schaffe, so völlig emotionsgesteuert und hirnrissig frustriert zu reagieren.
Die beste Lehre daraus: Möglichst nur einmal in der Woche wiegen. Wenn ich in den ersten Wochen einer Diät auf die tägliche Motivation auf der Waage nicht verzichten möchte, dann sofort auf wöchentlich umstellen, sobald sich nichts mehr rührt.

Eins weiß ich mit absoluter Sicherheit: So lange ich mich nach einer erfolgreichen Diät regelmäßig wiege, werde ich nicht zunehmen. Die Gefahr liegt in der Verleugnung. Es klingt so einfach. Und es ist so schwer, sich vom eigenen Verstand (???) nicht austricksen zu lassen …

Status: 98,4 kg > 94,6 kg

2 Kommentare

  1. Boah ja. Diese Gedanken und Vermeidungsstrategien kenne ich nur zu gut. Ich habe allerdings genau die gegenteiligen Konsequenzen daraus gezogen und wiege mich jeden Tag. Das hilft mir nämlich, genau diese Mechanismen (Wassereinlagerungen aus Grund xy, Muskelaufbau) zu verstehen bzw. zu analysieren. Fazit ist dann, dass ich deutlich gelassener mit Plateaus umgehen kann. Aktuell befinde ich mich z.B. in einem seit über 4 Wochen. Ich wäre so frustriert, hätte ich nicht eine 9-monatige Beobachtungsphase mit täglichem Wiegen hinter mir. Daher weiß ich, warum das Gewicht stagniert und dass es irgendwann wieder bergab gehen wird (solange ich mich natürlich nicht mit der Kalorienzufuhr behumpse). Es wird allerdings auch einfacher, mit Stagnation klar zu kommen, wenn man sich in einem schon akzeptablen Gewichtsbereich bewegt. Dafür dauern die Plateaus auch länger. Es soll ja bloß nicht zu einfach werden. 😉

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    • So gesehen trägt das Abnehmen ja zur Persönlichkeitsbildung bei :-)- Wir lernen: Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstkritik, machen einen Grundkurs in Psychologie, um unser Verhalten besser zu verstehen, in Biologie, um den Frust bei Gewichtsstillstand zu vermeiden…

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