Vergiss das Mammut!

Die älteren unter uns erinnern sich noch: Früher war Essen einfacher. Es gab keine Supermärkte, keine Fertiggerichte und Süßes wuchs an Sträuchern. Gegessen wurde auch nicht, was auf den Tisch kommt, sondern was man einfangen oder finden konnte. Damit musste Opa Feuerstein nicht darüber nachdenken, ob er Sport machen sollte, um die zugeführten Kalorien wieder abzutrainieren – er musste Sport machen, um überhaupt etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Hätte ihm jemand erzählt, dass heute Übergewichtige auf eine so genannte „Paleo“-Ernährung schwören, um Kilos zu verlieren, wäre er vermutlich dem nächsten Säbelzahntiger zum Opfer gefallen, weil er vor lauter Lachen nicht mehr auf seine Umgebung achtete.

Aus der Steinzeit haben wir immer noch ein Programm: Iss – wer weiß, wann es wieder etwas zu futtern gibt! Bei mir schlägt das besonders beim Süßigkeiten-Einkauf durch. Ich weiß, dass mein Süßhunger problemlos mit einem Schokoriegel zu stillen ist. Aber beim Einkaufen kommen drei oder vier verschiedene Sorten von Naschkram in den Wagen. Irgendetwas in mir hat das Gefühl, vorsorgen zu müssen, falls ich nach einer Packung noch Lust auf mehr habe. An besonders heldenhaften Tagen werfe ich das Gekaufte beim Verlassen des Ladens gleich wieder in den Müll. Eine andere Variante ist, die Packungen aufzureißen und den Inhalt nach und nach aus dem Fenster zu feuern. Das sind für mich Siege gegen die Naschlust. Absurd? Stimmt – willkommen in der Welt der Gewicht-Jo-Jos!

Natürlich ist die Mammut-Konditionierung eine praktische Entschuldigung für Exzesse. Die Tatsache, dass die meisten von uns nicht mehr Keulen benutzen, um Streitigkeiten zu klären, wir nicht mehr in Horden als Nomanden zusammenleben und Schneidewerkzeuge aus mehrfach gefaltetem Damaststahl verwenden statt Feuerstein-Messer, spricht dafür, dass wir in der Lage sind, uns weiterzuentwickeln.
Manchmal stellt sich allerdings die Frage, wohin. Ich habe gerade einen Bericht über eine Klinik für Essgestörte gesehen. Da stand ein Mädchen, das nur noch Haut und Knochen war, neben einer sehr dicken jungen Frau. Die eine kämpft dagegen, zu verhungern, die andere fürchtet, an ihrem Fett zu sterben. Und beide wünschen sich nichts mehr, als Essen als etwas ganz normales empfinden zu können.
Auch wenn ich nicht in einer derartig existentiell bedrohlichen Situation bin – diesen Wunsch kann ich nachvollziehen. So viele Stunden habe ich mir Gedanken darum gemacht, wann ich esse, was ich esse, was ich nicht essen sollte, wie ich verhindere, es trotzdem zu essen und warum ich es essen will. In der Zeit hätte ich ein halbes Dutzend Sprachen lernen oder Atomphysik studieren können. Es ist eine Mammut-Aufgabe, „normal“ zu sein …

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