Gehackte Berge

Wenn man extrem dicke Menschen sieht, fragen sich wohl nicht nur schlanke Menschen, wie man es soweit kommen lassen kann, sich selbst zu einer kaum noch beweglichen Masse zu machen.
Die Karriere ernsthaften Übergewichtes beginnt wohl bei den meisten – wie auch bei mir – mit Verdrängungsstrategien. Angefangen vom Vermeiden des Wiegens über das Entfernen von Ganzkörperspiegeln bis zu einer tatsächlich veränderten Selbstwahrnehmung. Ein Symptom vor allem bei Magersucht ist, dass die Patienten tatsächlich nicht mehr die Realität im Spiegel sehen, beziehungsweise, das, was sie sehen, anders interpretieren. Selbst bereits bis zum Skelett abgemagerte Menschen nehmen sich noch als zu dick wahr.
Ich denke, ähnlich funktioniert das auch bei starkem Übergewicht. Wenn man Stories von Abnehmerfolgen liest, wird als Auslöser oft ein Foto genannt, das erst das ganze Ausmaß des Übergewichts unmissverständlich vor Augen führte. Ach ja – zur erfolgreichen Verdrängungsstrategie gehört natürlich auch, sich nicht mehr fotografieren zu lassen.

Ich sage mir, dass meine Grenze auf jeden Fall Einschränkungen in meinem Alltag wären – mich nicht mehr problemlos bücken zu können, Treppen nur noch mühsam hochzukommen oder, wie die Abnehm-Doku-Kandidaten, diesen watschelnden, unbeholfenen Gang zu haben. Mein „Problem“ war, dass ich selbst in meinen dicksten Zeiten mit knapp 117 Kilo nichts davon hatte. Das verdanke ich sicher der Tatsache, dass ich in meinem Leben immer wieder über längere Zeiträume Sport gemacht habe und auch zumindest ein paar Jahre ein gutes Gewicht halten konnte.
Andererseits: auch wenn die offensichtlichen Einschränkungen nicht da waren – von den körperlichen Möglichkeiten in meinen schlanken, sportlichen Zeiten war ich meilenweit entfernt. Und das hat mich sicherlich auch unterbewusst dazu gebracht, in den dicken Zeiten zu große Anforderungen einfach zu vermeiden. Auch eine Verdrängungsstrategie …

Die Aufgabe, ein hohes Übergewicht wieder loszuwerden, türmt sich wie ein riesiger Berg vor einem auf. Ich habe derzeit noch rund 20 Kilo bis zu einem gesunden Gewicht und etwa 25 Kilo bis zum Idealgewicht. Das ist auch viel, aber im Vergleich zu den „Biggest Loser“- oder „Extrem schwer“-Kandidaten ein überschaubares Problem. Die 60, 70 oder gar 100 kg, die diese Menschen von einem gesunden Gewicht trennen, sind der Mount Everest unter den Abnehmzielen.

Als ich mich 2007 nach langer Zeit wieder mal auf die Waage traute und mich mit 116,7 Kilo konfrontiert sah, war das einerseits ein Schock, weil ich dieses Ausmaß nicht erwartet hatte. Andererseits hatte ich zuvor schon dreimal zwischen 30 und 33 Kilo abgenommen, so dass ich wusste, dass es machbar war, auch wenn es dieses Mal mindestens um 40 Kilo ging. (Wenn ich diesen Satz nochmal lese, bekomme ich eine Gänsehaut … Es ist nicht wirklich normal, immer mal wieder 30 Kilo und mehr abzunehmen …)
Für mich ist aber trotzdem der einzige Weg, das nicht zu schwierig und damit kaum zu bewältigen erscheinen zu lassen, den Berg in kleine Hügel zu zerhacken. Bei mir sind das immer die neuen Zahlen am Anfang meines Gewichts. Damals war die „UHU“ – unter hundert – eine unglaubliche Erleichterung. Heute ist der erste Hügel eine 8 statt der 9 vorne stehen zu haben. Die 7 als nächster Schritt bringt mich schon in den gesundheitlich weniger bedenklichen Gewichtsbereich. Und ich weiß, dass ich unter 75 schon ziemlich schlank aussehe.
Dieses Berge-Hack lässt sich gut verarbeiten und Löffel für Löffel abtragen.

Bei einem meiner früheren Abnehm-Marathons habe ich mir mein Gewicht in Zuckerpäckchen gekauft und diese zuhause gestapelt. 60 Pfund Zucker nehmen ganz schön viel Platz weg. Aber dieses Ritual, jedes Mal ein Paket wegnehmen zu können, wenn ich wieder ein Pfund weniger hatte – das war schon motivierend: Der Berg wird sichtbar kleiner.
Eigentlich müsste es ja Fett sein, das man stapelt. Bei 25 Kilo wären das 200 Päckchen Butter oder Margarine. Aber ich fürchte, ich schaffe es nicht, schnell genug abzunehmen, bevor das Zeug schlecht wird. Hm … kann ein Mindesthaltbarkeitsdatum eine Abnehmmotivation sein? Ich wette, diese Frage hat sich noch kein Diät-Guru gestellt!

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