Alibi bitte

Ich habe mich kürzlich mit einer Freundin über unsere Erfahrungen mit dem Übergewicht und unsere Abnehmversuche unterhalten. Unsere Geschichten unterscheiden sich etwas – sie war als Kind dick und später lange schlank, ich war als Kind, soweit ich das auf Fotos sehe, normalgewichtig und erst in der Pubertät begann das Gewichtsproblem und damit die Diätkarriere.
Bei dem Gespräch erzählte ich auch, dass ich selbst in meinen schwersten Zeiten nie diese negative Selbstwahrnehmung eines fetten Menschen hatte – ich habe meinen Wert nie über mein Gewicht definiert.
„Ich bin mein Aussehen“ ist heute ja eine sehr verbreitete Haltung. Das geht schon in der Schule los, wo die Kinder ohne die „richtigen“ Markenklamotten oft nicht mehr ernst genommen werden. Die Kandidatinnen in Germany’s Next Topmodell werden angehimmelt wegen ihres Aussehens und der Tatsache, dass sie es damit ins Fernsehen geschafft haben – dass viele von ihnen von Neid und Missgunst gegenüber ihren Konkurrentinnen geprägt sind oder eine etwas verzerrte Wahrnehmung ihrer Talente haben, spielt oft keine Rolle. Wie man aus diesem Urteil unschwer erkennen kann, schaue ich die Sendung selbst ab und zu. Auch ich bin fasziniert von dem Zauber der Verwandlung manchmal recht unscheinbarer Entchen in stolze Schwäne durch die Kunst der Makeup-Experten und Designer.

Meiner Freundin erklärte ich, dass ich es wohl meinem ziemlich ausgeprägten Selbstbewusstsein verdanke, dass ich mein Aussehen nicht als Schwäche wahrnahm. Soweit die Illusion …
Wer ist dann aber diese Frau, die bei einem heftigen Süßigkeiten-Suchtanfall ihren Drogeneinkauf (Schokolade, Haribo Colorado, Eis) durch völlig unnötige Alibi-Käufe tarnt? SELBSTVERSTÄNDLICH gehe ich nur Einkaufen, um das dringend benötigten Toilettenpapier (von dem ich noch zwei Packungen zuhause habe), die Küchenrolle (eine Packung liegt seit Monaten unangebrochen im Schrank), Spülbürsten (gerade letzte Woche ersetzt), Wäscheklammern (ok – die kann ich wirklich gebrauchen) und Shampoo (das geht bald zu Ende – so in 3-4 Wochen) zu besorgen. Der Süsskram ist natürlich ein spontaner Einfall.
Wichtig bei den Alibikäufen ist das Verhältnis der sinnvollen (mindestens 2/3) zu den sinnlosen Käufen, damit sie im Wagen nicht auffallen.
Soviel zu meinem ausgeprägten Selbstbewusstsein, für das mein Übergewicht überhaupt keine Rolle spielt …
Mal abgesehen davon, dass es kaum andere Menschen interessieren dürfte, was sich in meinem Wagen befindet. Und auch eine Kassiererin, die die Waren von hunderten Kunden jeden Tag auf ihrem Band sieht, hat vermutlich nicht das geringste Bedürfnis, sich über den Grund für die Einkäufe Gedanken zu machen.
Andererseits: Ich selbst spekuliere gerne über die Einkäufe anderer Menschen. Ich fühle Bedauern, wenn ich dicke Menschen mit Kindern sehe, die lauter fette, ungesunde Sachen im Wagen haben oder auf das Band legen. Oder wenn alte Menschen nur die absoluten Billigwaren kaufen – und eine Tafel guter Schokolade. Aber was immer ich über sie denke oder sie über mich: Wir kennen uns nicht und werden uns vermutlich nie privat begegnen – also was spielt es für eine Rolle?

Es gibt mittlerweile in vielen Supermärkten Scanner-Kassen, die ein Signal geben, wenn Alkohol oder alkoholhaltige Waren erfasst werden, damit die Kassiererinnen das Alter der Kunden überprüfen. Noch besser als die immer wieder ins Gespräch gebracht Lebensmittel-Ampel, die Waren mit zu hohem Fett oder Zuckeranteil kennzeichnen soll, fände ich Kassen, die bei solchen Waren auch ein Warnsignal geben würden. Das wäre so richtig schön peinlich und alle Alibikäufe würden nichts mehr nützen …

Ein Kommentar

  1. Schöner Artikel, hab ich mich da erkannt? Über selbst-bewusst-sein und Gewicht müssen wir uns nochmal unterhalten, da steckt so viel an Erkenntnis drin! Dein Blog gefällt mir sehr! Weil er so ehrlich und gerade ist!
    Toll!

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