Schlank durch Papier

Ich kenne natürlich die Tricks der Werbung – schließlich habe ich zwölf Jahre in der Branche gearbeitet. Mit Speck fängt man Mäuse und mit Reizwörtern Leser.
„Arme Königin Silvia – die Schocknachricht traf sie unerwartet“. Ein gern genommener Titel der unzähligen Klatschzeitschriften. Was ist passiert? Ein Todesfall in der Familie? Eine schwere Krankheit eines Enkelkindes? Ein Unfall ihres Mannes? Ähm … fast genauso tragisch: Auf einem Fest trug eine andere Frau das gleiche Kleid wie sie. Das erfährt man aber erst, wenn man das Heft gekauft hat. #läuft …
Im Prinzip funktioniert Werbung immer so: Mit Reizworten wird das Interesse geweckt, etwas Besonders signalisiert, das man unbedingt lesen/ausprobieren/haben muss. Und welche Reizworte funktionieren wohl bei Übergewicht-Geplagten? „10 Kilo in vier Wochen!“ „Abnehmen ohne zu hungern!“ „Diese Nahrungsmittel machen Sie schlank!“ Die Botschaft an uns ist immer: Schnell. Mühelos. Erfolgreich.
Eigentlich wissen wir es alle: Abnehmen ist harte Arbeit. Und außer bei gesundheitsgefährdenden Crashkuren geht es niemals schnell. Oder mühelos. Oder auch nur mit Sicherheit erfolgreich.
Aber gerade deshalb ist wohl immer diese leise unrealistische Hoffnung da, das irgendwer ein Geheimrezept hat, das es leichter macht.
Die meisten Zeitschriften, die diese Hoffnung mit ihren Titeln vermitteln, gehören nicht gerade in den Bereich wissenschaftliche Fachblätter. Hinter sensationellen Botschaften steckt meist Banales, tausendmal Geschriebenes. Und doch …
Es gibt immer wieder Phasen, da kaufe ich so ziemlich jedes Heft, das das Abnehmglück verheißt. Wenn alleine das Lesen der Abnehm-Lektüre ordentlich Kalorien verbrennen würde – so 500 pro Stunde wäre nett – dann wäre ich gertenschlank. Es würde mir auch nichts ausmachen, jeden Tag 1 – 2 Stunden dafür zu opfern.

Tatsächlich hält sich die Enttäuschung über die dann altbekannten „Geheimrezepte“ in Grenzen. Ich schaue mir Vorher-Nachher Fotos an und es motiviert mich. Ich lese die Tipps der erfolgreichen Gewichtsverlierer und es gruselt mich. Entweder über gesundheitsgefährdende Ratschläge („Ich habe drei Wochen lang nur Kohlsuppe gegessen, dann waren die ersten 5 Kilo weg“). Oder unrealistische Sportprogramme für Menschen, die eben noch 40 Kilo Übergewicht mit sich rumschleppten. („Ich ging 3 x wöchentliche zum Krafttraining, fuhr jeden Tag mit dem Rad 20 Kilo zur Arbeit und lief am Wochenende mindestens 1 Stunde“). Aber jede Story hat den „Biggest Loser“-Effekt. Sie sagt. „ES IST MÖGLICH!“
Die Hochsaison der garantiert erfolgreichen Abnehmtipps ist der Jahresbeginn und das Frühjahr. Unzähligen Kilos wird zum Jahreswechsel der Kampf angesagt. Die 1% guter Vorsätze, die länger als eine Woche im neuen Jahr überleben, bekommen dann im Frühjahr wieder Gesellschaft von den „Hilfe – in drei Monaten beginnt die Schwimmbadsaison“-Kandidaten. Und wieder schnellt die Auflage der „So schaffen Sie garantiert 3 Kilo in 10 Tagen“-Zeitschriften in die Höhe …
Sorry, ich muss jetzt los, in der neuesten Women’s Health gibt es schnelle Schlank-Rezepte und Tipps für ein Zucker-Detox …
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